Sinnlos und überflüssig?

Unboxing-Videos und Pseudo-Produkttests bei Youtube

„Hallo auf meinem Kanal. Ich bin der Fred Kasuppke und ich wollte euch heute mal den Allesschneider von Schnittmax zeigen.“ So oder so ähnlich beginnen dutzende, ach was – tausende von Produktvideos, die man tagtäglich über Youtube & Co. konsumieren kann.

Die Qualität der Filmchen reicht dabei von verboten grottig bis supergut gemacht. Und da sind wir schon bei der eigentlichen Frage: Was macht ein Produktvideo aus Amateurhand denn sehenswert? Ich setze dazu mal weiter vorne an und bringe ein realistisches Beispiel vor:

Erster Akt: Hersteller XY bringt einen Staubsauger-Roboter auf den Markt und vertreibt diesen über einen Discounter mit den vier großen Buchstaben im Namen. Entsprechend der Zielgruppe ist das Gerät im unteren Preissegment angesiedelt. Und entsprechend hoch sind die Verkaufszahlen. Stichwort „Sonderartikel“ – die Quengelware für Prospekt-Junkies.

Zweiter Akt: Kann ich mal schauen?

Verbrauchern, die sich für das Gerät interessieren, stehen vielerlei Möglichkeiten zur Verfügung, sich vorab über Qualität, Stärken oder Schwächen und Alternativen zu informieren. Neben Testportalen oder dem Hersteller selbst bieten ja auch „professionelle“ Webseiten den Service, über die Verfügbarkeit der aktuellsten Discounter-Tech-Schnäppchen zu berichten – etwa discounto.de, 1prospekte.de oder auch kaufda.de. Ausführlicher machen das zuverlässig all die vielen Tech- und IT-Magazine, die auf ihrer Internetpräsenz gerne auch mal über das eine oder andere Schnäppchen berichten – große Namen bringen ja schließlich Klicks. Erwähnenswert seien hier exemplarisch die Websites chip.de, inside-digital.de oder auch computerbild.de.

Soviel zur (semi-) professionellen Testerschaft. Jetzt folgt in der Reihe der Infopools sicher Youtube, denn was ist schöner, als ein Gerät im Praxiseinsatz sehen und hören zu können. Auch hier haben sich einige der o.g. Betreiber eigene Kanäle angelegt, über die sie all die wunderbaren Testberichte, Kurzfilmchen und Evaluations-Clips an den Mann oder die Frau bringen. In letzter Zeit fallen übrigens auch einige ehemalige Testredakteure auf, die unter eigenem Namen und mit eigenem Kanal Produkte aller Couleur vorstellen. Und oft sogar mit ausdrücklicher Unterstützung der Hersteller.

Aber, und hier kommen wir zum dritten Akt, auch viele unzählige „Amateur“-Youtuber, die uns mit ihrem Können rund um Vorstellung und Test unterschiedlichster Produktkategorien beglücken.

Ich schreibe Amateur absichtlich in Anführungszeichen, denn es gibt zwar einige richtig gute Youtuber, die sowas auch richtig gut können und praktizieren, damit viel Geld verdienen und auch hinter der Sache stehen. Aber – und nun kommt die dunkle Seite des Mondes zum Vorschein – leider gibt es auch viele selbsternannte und aus welchen Gründen selbstberufene Experten, die mehr schlecht als recht den exemplarisch genannten Staubsauger-Roboter kaufen (oder einfach erstmal bestellen 😉) und diesen in oftmals unerträglich langen Monologen mit Produktvorführung anpreisen.

Influencer – zwischen Hochglanz und Kellermuff

Und damit meine ich NICHT eine Präsentation in hervorragend ausgeleuchteten Studios, ich rede NICHT von verständlichem Deutsch in einer gut ausgepegelten Tonqualität. Nein, ich spreche von in dunklen Kellern zwischen Kartons und Bastelresten präsentierten Nuschel-Shows mit möglichst zahlreichen „Ähms“. Möglichst garniert mit ungepflegten Fingernägeln, die ständig den Autofokus der Kamera verziehen und ein noch so interessantes Produkt mit Schmutz und Lieblosigkeit verbinden. Amüsant sind dabei die Disclaimer, die manchmal nach dem o.g. Einleitungssatz folgen; im Wortlaut etwa: „Ich möchte betonen, dass ich mir den Roboter selbst gekauft habe, also selbst bezahlt. Ich werde nicht vom Hersteller unterstützt!“.

Was wollen die uns damit sagen? Dass der „Test“ unabhängig und neutral passiert? Das behaupten die, die von Herstellern gesponsert werden, doch auch immer. Oder hofft man insgeheim darauf, dass sich der Produktmarketing-Verantwortliche des Herstellers (un-)glücklicherweise auf den Kanal verirrt, sofort seine Mitarbeiter zusammentrommelt und eine Strategie ausarbeitet, wie man diesen unverzichtbaren Influencer auf seine Seite zieht?

Ein bisschen Spaß muss sein

Lustig sind immer solche Unboxing- und Produktvorstellungsvideos, die völlig ungeschnitten – also komplett durchgefilmt (inkl. Ähms, Fokussierungsfehlern, Selbstgesprächen, Schimpfwörtern und Demonstrationspannen) 15, 20, 30 und mehr Minuten die Zuschauer bei Laune halten sollen.

Da ich nicht weiß, wie das rechtlich aussieht mit dem Zitieren von Videoclips, die Werbung beinhalten, belasse ich es hier lediglich bei Erläuterungen zum Inhalt aus der Erinnerung heraus. Da fand sich also mal ein Testclip im Youtube-Universum, der das Unboxing und Inbetriebnahme eines China-Billig-Notebooks thematisierte. Der „Tester“ – dem Dialekt her aus dem tiefsten Sachsen – kommentierte also in sehr unverständlichem Sächsisch den kompletten Verlauf zwischen „Paket von der Terrasse holen“, das der DHL-Bote wohl dort ablegte, bis hin zur Erkenntnis, dass „…das Scheißding gar nicht funktioniert.“

Alles dazwischen war ein gemurmeltes, mit wackelnder Kamera begleitete Rascheln und Klopfen und Klappern. Kurzum: Das Notebook war wohl ein besserer Kunststoffumschlag mit „alles auf dem Motherboard“, das der Beschreibung zufolge von 1999 war. Aber kommen wir nun noch schnell zurück zum Staubsauger-Roboter.

Akt vier: Ich schaue mir also ein paar dieser Testberichte/Rezensionen im Videoformat an und stelle wieder einmal fest, dass die Meinung zu einer Sache so unterschiedlich sein kann, wie es die Menschen selbst auch sind. Von „Top-Staubsauger zum konkurrenzlosen Schnäppchenpreis“ bis hin zum „Billigsauger, der selbst beim Discounter noch viel zu hochpreisig ist“ scheint alles drin zu sein. Der eine Tester lobt die Wischfunktion, der andere Influencer verteufelt die Möglichkeit, dass da „…immer ein Wischlappen mit hinterhergezogen wird, der irgendwann stinkt.“

Meist sitze ich nach ein paar Produktvideos da, sehe über mir all die Fragezeichen tanzen und switche noch schnell zum Kanal des Herstellers selbst, um ggf. eine dritte Meinung (😉) einzuholen. Wie sieht die aber meist aus? Hochglanz-Clip mit Blureffekten, ein Abendkleid tragende Top-Models , die mit frisch manikürten, drei Zentimeter langen Fingernägeln sanft den Staubfang demontieren und diesen – wohlgemerkt ohne, dass eine Staubwolke aus dem Mülleiner emporsteigt – in einer elfengleich schwebenden Bewegung entleeren. Danach drücken dieselben manikürten Finger ohne Druck, nur zart berührend, den „Geh laden“-Button, und in Zeitlupe sieht man den Staubsauger von dannen ziehen. Informationsgehalt gleich Null, aber schöne Fingernägel hat sie.

(M)ein Fazit

Was bringen mir Produktvideos also? Informationen bzw. Entscheidungshilfen? Ja, aber nur dann, wenn ich mehrere von diesen Clips anschaue, alle Pros, Contras und Eventualitäten mische, mein eigenes Fazit daraus ziehe und zu dem Ergebnis komme, dass ich eigentlich gar keinen Staubsauger-Roboter brauche. Und sei er noch so günstig. Hast du eine andere Meinung dazu?

Gute Nacht…

2 Kommentare zu „Sinnlos und überflüssig?

  1. Es ist wie immer: Man muss die Blogger hinter den Berichten kennen. Ich lese zum Beispiel sehr gerne die Kamera- und Objektiv-Tests einiger (semiprofessioneller) Fotografen. Die sind glaubwürdiger als vieles, was ich in den einschlägigen Magazinen finden kann. Ähnliches kann ich von einigen Hifi-Bloggern berichten. Aber das sind ein paar Leute, die ich aus jahrelanger Lesetätigkeit wirklich kenne. Das sind etablierte Netzwerke. Und die haben wenig gemein mit den berüchtigten YouTube- ud Instagram-Queens und -Kings, die sich für ihre Texts bezahlen lassen.

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    1. Korrekt – leider, leider gehen unter all dem unsinigen „Content“ richtig gute Tests und Meinungen verloren. Mal auf die Schnelle einen fundierten Testbericht finden gleicht heute der Bernstein-Suche am Strand 😉

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