E-Bike und Pedelec – ein Fahrrad nur für alte Menschen!?

Dass Elektrofahrräder vor allem etwas für ältere Zeitgenossen sind, stellt wohl gleichermaßen ein Vorurteil wie auch eine schlicht unwahre These dar. Warum? Das möchte ich hier und heute versuchen zu erläutern.

In vielen Artikeln wurde in den letzten Jahren sehr unterschiedlich darüber referiert, für wen ein E-Bike bzw. Pedelec geeignet ist oder nicht. Amüsant ist dabei, dass sich sehr häufig solche Redakteure/Redakteurinnen berufen fühlen darüber zu urteilen, die im sonstigen journalistischen Leben über Bioprodukte, Hundezucht oder Klatsch aus der Promi-Ecke berichten.

Kann man denn überhaupt pauschal definieren, wer zum E-Piloten geeignet ist und wer nicht? Ich denke nein! Nehmen wir exemplarisch diesen Beitrag zur Hand, den das T-Online-Portal am 2. April 2018 veröffentlich hat. Generell gibt es an diesem Text nichts auszusetzen. Allerdings zeigt sich schon unter der Zwischenüberschrift „Wer genug Geld ausgeben kann“ deutlich, dass die Redaktion offensichtlich ganz auf Forenbeiträge, Warentests (von denen wir nicht erst seit gestern wissen, dass sie gerne mal von Herstellern lanciert oder gar gesponsert werden) oder Aussagen jener „Profis“ zurückgreift, die auf der Gehaltsliste bestimmter Interessengruppen stehen oder den Influencer mimen.

Qualitätsunterschiede? Ja, aber fair bleiben. Bitte.

„Schnäppchen sollte man eher nicht kaufen“, denn diese zeigen ja „immer wieder“, dass Anbauten oder Rahmen „teilweise“ den Belastungen nicht standhalten. Aha…mich würde exemplarisch so brennend dazu die Meinung, na sagen wir mal, der Firma Prophete aus Rheda-Wiedenbrück interessieren. Das Unternehmen besteht seit 110 Jahren, mischt seither immer bei den bezahlbaren Bikes für die breite Masse mit. Verpönt? Verkannt? Sicher, aber etablierten Anbietern teurer, maßgeblich qualitativ hochwertiger Fahrräder etwa sind mitunter schon handfeste Skandale ins Haus geflattert, weil Schweißnaht-Probleme oder minderwertige Fernost-Anbauten den Kunden förmlich um die Ohren flogen. Der langen Rede kurzer Sinn: Günstige Fahrräder sind nicht per se schlecht! Und selbstredend sollte man mit einem 1.500 Euro E-Bike keine Weltreise planen, so wie man auch keine Rallye Monte Carlo mit einem Dacia meistert. Und trotzdem verkauft sich der Dacia gut…

Darfs ein bisschen mehr Qualität sein?

Zugegeben – man muss schon auf ein Minimum an Ausstattung achten. So verkaufte kürzlich ein Pseudo-Shopping-Club (das sind diese angeblichen „Gemeinschaftlich bessere Preise erzielen, aber nur für kurze Zeit“ -Lockshops, zu denen sich vornehmlich die Damen hingezogen fühlen) ein E-Bike für nicht einmal 500 Euro. Rahmen? Irgenwas. Motor? Irgendwas aus Fernost. Brems- und Schaltanlage? Irgendwas unbekanntes. Gewicht? Über 35 Kilogramm…ich glaube, ich brauche nicht mehr zu erklären. Wenn Fahrradhändler bzw. Werkstätten schon bei Herstellern wie der o.g. Prophete GmbH abwinken, wenn es mal zur Wartung gehen soll, dann wirds mit dem Drahtesel aus dem „geheimen Kaufclub“ wohl so gar nichts.

Alt und fit und jung und überfordert und was noch?

Zurück zur Frage, für wen elektrische Fahrräder geeignet sind. Vornehmlich, so entnimmt man der Fachpresse, zielt der Verkauf der unterstützten Frischluft-Racer ja auf Senioren. Warum? Die haben eh keinen Schmackes mehr in den Knochen, haben aber Geld für die kostspieligsten Auswüchse dieses Genres und sie sind gewillt, auch im Alter ihre Mobilität zu wahren. Aber stimmt das so auch?

Fakt ist: Der Betrieb eines E-Bikes bedarf einiger Handgriffe mehr, als man es vom normalen Fahrrad kennt. Auch die möglichen Geschwindigkeiten sind nicht zu unterschätzen. Wer schon mal ein Pedelec bedient hat, der weiß, wie schnell man mitunter die maximale E-Unterstützung bis 25 km/h erlangt. So genannte S-Pedelecs geben sogar noch bis 45 km/h Anschub. Aber diese werden wohl eher seltener an rüstige Rentner verkauft.

Es gibt Menschen, die argumentieren: „25 km/h? Die fahre ich mit meinem normalen Renn- oder Trekkingrad auch. Dafür brauche ich kein E-Bike!“. Stimmt. Aber nun denken wir mal an den normalen Freizeitradler oder den Senior/die Seniorin, die es bei der Ausfahrt auf die üblichen ca. 10 km/h bringen. Die kommen plötzlich (wenn der Schalter auf Vollunterstützung steht) auf 25 km/h. Das ist Mofageschwindigkeit. Im dümmsten Fall noch ohne Helm. Und dann kommt das Auto von rechts, der Kinderwagen von links oder was auch immer. Wenn die Reaktion jetzt nicht mehr die beste ist, dann gute Nacht. In diesem Beitrag der „Zeit“ wird von den vergleichsweise vielen älteren Betroffenen gesprochen, die in den letzten Jahren mit E-Bikes verunfallten.

Zuviel Technik? Back to the Roots?

Allein die Tatsache, dass E-Bikes häufig mit Vorder- und Hinterradbremshebel ausgestattet sind, anstatt die sichere und gewohnte Rücktrittbremse aufzuweisen, überfordert viele ungeübte oder ältere Herrschaften. Zudem machen es der Geschwindigkeits- und Akkuccomputer mit all seinen Knöpfen und die Gangschaltung mit 7, 18 oder 24 Gängen nicht einfacher: Wann muss ich jetzt runterschalten, wann mus die Unterstützung des Motors erhöht werden? Ich glaube, einige stolze neuen Besitzer technischer Meisterwerke wünschen sich den guten alte Holzklotz von  damals zurück 😉

Kein grober Holzklotz, sondern modernste Technik mit edlem, nachhaltigen Schliff
Kein grober Holzklotz, sondern modernste Technik mit edlem, nachhaltigen Schliff

Logisch – diese Überforderung ist sicher auch bei jungen oder jüngeren Menschen festzustellen. Und darum möchte ich auch klarstellen, dass ich NICHT der Meinung bin, E-Bike & Co. sind nur etwas für junge, sportliche Menschen. Im Gegenteil: die Unbedachtheit und Risikobereitschaft gerade jugendlicher Radler ist nicht von der Hand zu weisen. Was also das Alter angeht, so gibt es sicher keine allgemeingültige Angabe, wer der geeignete Fahrer ist und wer nicht. Wenn ich manchmal die sauteuren E-Mountainbikes durch die Stadt fahren sehe, der Hipster am Lenker, den Coffee-to-go in der Hand, dann frage ich mich, ob es überhaupt „den richtigen“ oder „den typischen“ E-Biker gibt.

Warum nicht ein wenig Vereinfachung?

Es ist vielmehr eine Frage dessen, was ich möchte, was ich mir leisten kann, was ich für richtig halte und was mir Spaß bringt. Die Frage nach dem „für wen?“ lässt sich also nicht herunterbrechen auf eine pauschale Definition. Ich habe mir kürzlich ein E-Bike im unteren Preissegment zugelegt, um das Ganze erst einmal für mich zu testen; abzuwägen, ob ich das brauche, ob es mir etwas erleichtert. Zudem interessiert mich die Technik hinter einem Pedelec. Das Zusammenspiel aus Motor, Akku, Schaltung… Und ich gestehe: die 7 Kilometer zum Bahnhof , die erledige ich jetzt im Handumdrehen, ohne verschwitzt in der S-Bahn sitzen zu müssen. Gerade die Steigungen hier im Hinterland bewältigt so ein E-Bike grandios. Ich teste also mal. Und wenn ich der Meinung bin, dass das E-Bike mein Wegbegleiter sein soll, dann ist dem halt so – auch wenn ich noch nicht in Rente bin. In diesem Sinne:

Gute Nacht.

PS: Ganz zum Schluss empfehle ich die Lektüre dieser Kaufempfehlung, erschienen kürzlich im „manager magazin“. Sachlich, unabhängig und wirklich nützlich! So kann Journalismus nämlich auch gehen.

 

2 Kommentare zu „E-Bike und Pedelec – ein Fahrrad nur für alte Menschen!?

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