Nachlese zur ‚München Classic‘ – Gaudi und Überheblichkeit

Als mich mein Spezl Michi im Mai fragte, ob ich Lust auf eine Olditimer-Rallye im September habe, da sagte ich spontan zu. Oldtimer-Veranstaltungen sind ja grundsätzlich eine spannende Sache, wenn sich Gleichgesinnte zu Fachsimpeleien und dem regen Austausch zu Tipps und Tricks rund um historische Fahrzeuge von „Damals“ treffen. Im Juli kam dann auch die Teilnahmebestätigung. Große Spannung und Vorfreude.

Nennbestätigung

Etwas anders erlebte ich dann die „München Classic“ in ihrer zweiten Ausgabe am 14. September. Aber erstmal von vorne.

Das Nenngeld, also praktisch die Startgebühr für die Teilnahme an der Veranstaltung, lag für einen Eintages-Event im mittleren dreistelligen Bereich. Angemessen, denn neben „Kuffler“ Frühstücks-Catering und Mittagsverpflegung gab es auch einen Top-Burger-Van und Buffet am Abend. Mal abgesehen von der unheimlich aufwändigen Organisation, angefangen bei den behördlichen Genehmigungen, der Planung, der Sicherung usw. Zudem boten die Veranstalter wirklich ein tolles Programm. Ok, umrahmt von einigen hochkarätigen Sponsoren, aber so ist das nun mal: es gibt nichts umsonst. Und es kann durchaus schlimmeres geben, als eine „Goodie-Tüte“ von AGIP, HISCOX oder BW Bank.

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Da reist man also morgens in seinem 54-jährigen Oldie an, gesellt sich zu Mercedes SL, Porsche 356 und Ferrari GTS. Aber mit (s)einem Ford Taunus Turnier, schon in den Sechzigern der Inbegriff von Arbeiterklasse und Gewöhnlichkeit, weckt man immer zweierlei Reaktionen bei zweierlei Sorten Klientel: Die Besucher und Zuschauer strömen zum Auto, loben ob des tollen Zustands und der seltenen Präsenz bei derlei Veranstaltungen. Die Hautevolee hingegen, in ihren tollen massenweise vertretenen Kisten, mit ihren nett anzuschauenden Halstüchlein und 1.000-Euro-Schühchen – die schauen begeistert weg. Kein erwiderter Guten Morgen-Gruß, kein Lob, keine Frage…nichts. Diese zurückhaltende Schnöseligkeit ist dann auch noch ansteckend, denn die Fotografen (egal ob engagiert oder hobbymäßig vor Ort) knipsen die nicht immer kurzweilige Stangenware aus Zuffenhausen, Untertürkheim oder Maranello en masse, aber der gewöhliche Ford Taunus Turnier bleibt dabei gerne außen vor.

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Es wurden in Summe genau fünf sechs Bilder vom Ford durch zwei anwesende Fotografen geschossen; drei davon eher so am Rande… So, wer spätestens jetzt meint, ich würde diesen Blogbeitrag aus Frust, Neid oder Groll schreiben, dem sei vermittelt, dass die positiven Seiten der München Classic für mich überwiegen. Und ich brauche keine Fotos von meinem Schorsch, die mache ich selbst.

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Die Freude an der Veranstaltung begründet sich auch darin, dass es noch so manch andere wirkliche Exoten unter den rund 120 teilnehmenden Fahrzeugen gab. DeLorean, Opel Kadett, MG B oder auch VW Bulli machten die Straßen zum Spitzingsee ebenso bunt wie auch Fiat oder BMW. Klar: mein oller Ford war sicher einer der günstigsten Oldtimer am Start. Aber dafür wird er nicht nur an einem Wochenende im Monat aus der Garage geholt. Und er wird noch von Hand gewartet: sein Schätzchen für jedes Wehwechen in Pflege geben kann jeder 😉

Zurück zur Rallye: Also, nun ist es ja so, dass eine solche Ausfahrt aus drei Komponenten besteht: Die reine Fahrt (sehr romantisch von München über Bruckmühl zum Spitzingsee, über Gmund, Bad Tölz und Starnberg wieder retour nach München), ein paar Wertungsprüfungen (geschicktes Zeitfahren, Schätzen von Wegstrecken oder Mengenangaben etc.) und Durchfahrtskontrollpunkten. Es kommt aber NICHT darauf an, andere Teilnehmer wild zu überholen, schneller die Kontrollpunkte zu erreichen oder möglichst schnell wieder zum Ziel in München zu gelangen. Nein, es geht um den Spaß, das Genießen der Natur und um die Freude, mit Gleichgesinnten (ok, spätestens hier passt dieses Wort nicht mehr) gemeinsam das alte Automobil zu bewegen.

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Das ist für den einen oder anderen Teilnehmer (ich nenne die jetzt pauschal Schnösel) aber kein Grund, sich nicht unter Missachtung der gültigen StVO mitten im Stadverkehrsgetümmel zunächst schnell an die Spitze des Gruppenfeldes vorarbeiten zu wollen, am Berg andere Teilnehmer möglichst riskant zu überholen, um dann doch letztlich gemeinsam mit allen anderen die Mittagsrast (ohne „Wertung“ der Ankunft) am Spitzingsee zu verbringen. Die Schnösel sitzen dann auch beim Mittagstisch zusammen, würdigen in ihren Armani-Jäckchen und mit ihren Gucci-Täschchen die beiden Proleten mit dem Ford keines Blickes. Am Buffet haben sie Ellenbogen breit gefächert wie Flügel, und die lautstarkt ausgetragenen Gespräche handeln auch stilecht von Investments, der „größten Oldtimerwerkstatt“ und den Zweit- und Dritt-Vehikeln…#notmyworld

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Auf dem Rückweg das gleiche Bild: Schöne Gegenden, tolle Autos, und dominierend das Platzhirsch-Gehabe einiger Teilnehmer in ihren fliegenden Kisten aus Zuffenhausen, Untertürkheim, Maranello…na ihr wisst schon…

Zurück in München, kurz vor der Rückkehr in die Motorworld München, gab es noch eine Durchfahrtskontrolle für die Teilnehmer. Just 100 Meter vor der Einfahrt meint dann wirklich einer dieser Schnösel, mich mit seinem Porsche 356 überholen zu müssen, um sich dann in die Lücke zwischen mich und meinem Vordermann drängen zu müssen. Wozu? Warum riskieren, dass sein sechsstellig und mein fünfstellig teures Auto Schaden nimmt? Ich verstehe es nicht, bleibe aber gleichermaßen gelassen wie auch standhaft. Nicht mit mir… Du kannst dich gerne wieder hinter mir einreihen! Macht er dann auch. Geknickt, aber mit heiler Karosserie. Das ist übrigens derselbe Porsche-Fahrer, der beim Zwischenstopp zum Mittagessen partout darauf bestand, dass ihm die Organisatoren am Parkplatz abseits der Masse einen Halteplatz zuweisen, weil ja sonst „sein Auto staubig würde von all den anderen Fahrzeugen im Pulk“; gleiches dann bei der Zieleinfahrt in München: Bitte separat parken lassen, sonst wird er dreckig, der rote Flitzer mit den güldenen Typenschildern.

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Der Rest der Story ist schnell erzählt: Es gab nach der erwähnten Zieleinfahrt offensichtlich noch eine Geschicklichkeitsparcours-Prüfung (Smart lenkt rechts statt links und links statt rechts), von der uns aber leider nichts gesagt wurde. Somit sanken die Siegchancen betreffend aller „Gewinnspiele“ rapide. Aber hey – dabeisein ist ja bekanntlich alles. Gilt für dieses Jahr, im nächsten Jahr verplempere ich die Kohle lieber auf andere Art und Weise.

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Credits: Großes Lob für die Organsisatoren, großes Lob für meinen Co-Piloten Michi, der echt was taugt als Navigator, großes Lob an Schorsch, der die rund 300 Kilometer ohne Murren und Knurren durchhielt und großes Lob an die Partner(innen) der vielen Schnösel, die es mit solchen „Charakterköpfen“ Tag für Tag aushalten.

 

 

2 Kommentare zu „Nachlese zur ‚München Classic‘ – Gaudi und Überheblichkeit

  1. Ich bin froh, dass ich diesen Erlebnisbericht gefunden hab. Wollte mich eigentlich zur MC 2020 anmelden. Damit ich da mit meinem Opel GT ein bisschen mitmische. Aber nach so ner Geschichte und mit der Unsicherheit Corona lasse ich das wohl besser, danke, toller Post dazu.

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    1. Bitte selbst einen Eindruck verschaffen! Ich will mit diesem Bericht auf keinen Fall etwas schlechtreden. Und ein Opel GT ist da sicher ein schöner Lichtblick im Einerlei der Langweiler-Karren. Die andere Frage ist ja, ob die München Classic heuer überhaupt stattfindet…

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