Das Wahrzeichen der Messe Hannover

Eine Messe schafft sich ab – warum die CEBIT am neuen Konzept scheitern könnte

Wer bin ich, dass ich mir anmaße, über das Standing und Schicksal einer solch ehrwürdigen Veranstaltung wie die CEBIT zu schreiben?

Von ehemals weit über 800.000 Besuchern im Jahre 2001 ging es im Laufe der Jahre stetig nach unten. Im Jahr 2017 erfreute sich die Messegesellschaft noch an rund 200.000 Besuchern. Und 2018? Hat das Konzept des „Business Festivals“ gegriffen? War der zeitliche Wechsel vom frühlingshaften März in den sommerlichen Juni klug? Das Resultat fiel dann doch eher bescheiden aus:

Ganze 120.000 Besucher lösten ein Ticket zum angeblich größten Spektakel der Branchen. Mit eingerechnet sind auch die Eintrittskarten, die sozusagen in letzter Sekunde noch denjenigen für einen Obolus von 15 Euro angeboten wurden, die „nur“ am Festival, am Rummel interessiert waren. Und das auch erst ab 17:00 Uhr. Aber fangen wir mal von vorne an.

2017 stand die Zukunft der CeBIT (seinerzeit noch in dieser Schreibweise) auf sehr wackeligen Beinen. Die Besucher- und auch Ausstellerzahlen sanken bis dahin rapide. Von ehemals über 7.000 Ausstellern zur Blütezeit begeisterten die verantwortlichen im „Entscheidungsjahr 2017“ gerade einmal 3.000 Unternehmen, die eh schon leergefegten Hallen mit ihrer Anwesenheit ein wenig zu beleben. Man merkt vielleicht: ich halte nicht viel von Augenwischerei und Schöngerede. Aber offensichtlich haben die „Macher“ einen guten Job verrichtet, denn immerhin 2.800 Aussteller konnte die CEBIT in diesem vielversprechenden Festival-Jahr verzeichnen. 2.800 Firmen, die jedoch irgendwie an den eigentlichen Plänen der Messegesellschaft vorbei geplant haben, so scheint es:

SAP rückt in Volksfestmanier mit einem Riesenrad an, IBM hebt in echter Jochen-Schweizer-Manier bis zu 32 Besucher per Krangondel, dem Festival-Sprech angemessen „Cloudlifter“ genannt, in die Höhe, und Intel mietet sich kurzerhand eine mobile Surfwelle, um den hippen Besucherströmen ein Spektakel der Sonderklasse zu bieten. Aber brauchte es das wirklich? War das der Kern des neuen Konzepts?

Aber das war ja längst nicht alles: Eine Konzertbühne, wie sie nicht besser in Wacken oder Woodstock aufgebaut stehen könnte, Foodtruck an Foodtruck gereiht, Chill Lounge hier, Wohlfühlpark da – die Außenanlage im Bermudadreieck zwischen den Hallen 12, 25 und 27 transformierte an diesen Tagen zum Jahrmarkt für Anzugträger, die bei sommerlichen Temperaturen begeistert werden sollten.

Wobei: so viele Anzugträger im klassischen Sinne habe ich gar nicht beobachten können. Neben Massen an asiatischen Besuchern und Ausstellern, die sich seit jeher eher „casual“ kleiden, gaben sich Hipster und Startup-Typen im Poloshirt die Klinken der Hallen in die Hand. War das ein Zeichen des Wandels oder gar des Erfolgs?

Nicht, wenn man den Klagen der Aussteller lauschte. Nicht selten vernahm man im Gespräch mit dem Standpersonal die Meinung, dass das Tamtam im Stil einer SXSW (von der hat man übrigens mehr als offensichtlich abgekupfert) da draußen kontraproduktiv zum eigentlichen Sinn einer Fachmesse für Informations- und Telekommunikations-technologie steht. Heißt: wer sich ob des Vergnügens nach draußen flüchten könnte und wollte, stand für ernste Gespräche oder Lead-Generierung halt nicht mehr zur Verfügung. Anmerkung am Rande: Das Spektakel der CEBIT – Konferenz und Festival – konnte erstmals auch von der Stadt aus verfolgt werden, wo die Verantwortlichen Fussball-WM-like Public Viewing ermöglichten. Hannover wird zu CEBIT City.

 

 

Ich trete aber jetzt einen Schritt zurück, denn „meine“ CEBIT 2018 fing schon am Montag mit dem Besuch zahlreicher Konferenzen und Vorträge an.

Eintrittskarte zum Take-off Monday
Der Schlüssel zum wahrscheinlich besten Teil der CEBIT 2018

Sehr geschätzte Journalisten, Firmenbosse, Digitalisierungs-Experten und – mein Highlight – Branchenguru Jaron Lanier eröffneten die Veranstaltung mit tollen Reden, sehr kritischen Ansprachen und fantastischen Ausblicken in das, was uns in den nächsten Jahrzehnten erwartet. Mr. Lanier stellte u.a. die marktbeherrschenden Positionen einiger großer Internetkonzerne an den Pranger, und sein aktuellstes Buch “ Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ (ISBN 978-3-455-00491-5) passt wie die Faust aufs Auge und ist sehr lesenswert.

Jaron Lanier zeigt die Gefahren durch Social Media Manipulation auf
Jaron Lanier zeigt die Gefahren durch Social Media Manipulation auf

Aber zurück zum Geschehen: Beim Betreten des CC-Knochens überkam mich eine ganz seltsame Mischung aus Traurigkeit und Neugier: Die vergangenen, tollen CeBIT (alte Schreibweise) -Tage, in denen kurzweilig mit Journalisten und Unternehmen geplaudert werden konnte, in denen Freundschaften geschlossen und so manche Tasse Kaffee (oder abends dann das kühle Helle) an der Bar im Pressezentrum konsumiert wurden, sind weg, weg wie auch die Besucherströme, vor denen man sich noch vor 10 Jahren nur durch einen beherzten Sprung ins Presserestaurant im EG flüchten könnte. Und heute? Lange Gesichter in langen Schlangen, die zur Registrierung meines (bereits registrierten) Tickets führen sollten. Durch die Flure klang das E-Gitarren Solo eines Musikers, der von der Messe Hannover dazu engagiert wurde, mit „Hotel California“, „Nothing Else Matters“ & Co. die Laune oben zu halten. Das gelang ihm, der Junge war echt gut.

Die Neugier wiederum resultierte schlicht aus der Tatsache, dass ich mir eine Entscheidung darüber, ob die „neue CEBIT“ funktioniert hat, schon an diesem ersten Tag erwartet habe. Aber logischerweise konnte das noch nicht funktionieren, denn woher soll man denn wissen, wie viele Tickets noch auf den letzten Drücker zum Beginn der eigentlichen Exhibition am Dienstag gekauft werden?!

Der erste Tag endete für mich nach gefühlten 25 Vorträgen und Podiumsdiskussionen ermattet und erwartungsvoll. Der Dienstag begann dafür umso überraschender, als ich erneut Schlangen von Menschen an den Eingangs-Countern der Nordeingänge sah: Wollen die wirklich alle die CEBIT „besuchen“?

Eine trügerische Masse potenzieller Besucher
Eine trügerische Masse potenzieller Besucher

Letztlich war es dann aber wohl doch eine Mischung aus Realität und falscher Einschätzung, denn wie wir ja gelernt haben: Es waren ja „nur“ 120.000… und die kamen sicher nicht alle am Dienstag. Über die Tage verteilt waren es „nur“ 120.000, die entweder wirklich Business betreiben wollten, neugierig auf das Spektakel waren oder schlicht „weil jedes Jahr“ aufs Gelände kamen. Die 15-Euro-Tickets machtens ja möglich.

Noch ein paar Worte zu dem, was die Besucher neben der Kirmes am Freigelände in den Hallen zu sehen bekamen – und damit war dann für den wirklich Interessierten einiges los:

Es gab beispielsweise den Lacher, dass ausgerechnet ein Telko-Provider, dem recht viele weiße Flecken auf der Karte der Breitbandausbauten in Deutschland angelastet werden, ein futuristisches Glasfaserverlegungsfahrzeug zeigte. Frei nach dem Motto „Guck, so könnte es vor deiner Türe im Hinterland zugehen“? Oder der jüngst durch staatliche Ausdünnung der Chefetage gebeutelte Automobilhersteller, der mit einer elektrifizierten Studie zeigte, was morgen möglich ist. Theoretisch. Das Helikopter-Taxi aus dem Hause Intel sollte demonstrieren, wohin die autonome Reise gehen kann. Auch wenn so manchem Betrachter oder mancher Betrachterin schon unwohl werden konnte beim Gedanken, sich „automatisch“ von diesem Ei durch die Gegend fliegen zu lassen.

Apropos fliegen lassen: In nahezu jeder Halle hätte man einen ausgewachsenen Zeppelin fliegen lassen können, denn zur immer ausgedünnteren Hallenbelegung der vergangenen Jahre gesellte sich auch in diesem Jahr wieder Platz ohne Ende. Was ich persönlich nicht verstehe: Warum gibt „man“ nicht den kleineren Ausstellern, die mit Ach und Krach einen kleinen Systemstand dahinzaubern konnten, ein paar Quadratmeter mehr? So als kleines Dankes-Zuckerl?

Die würden dann bestimmt zur nächsten CEBIT kommen, sofern es diese dann noch gibt. Vielleicht mit einem total neuen Konzept: Im Winter, unter Wasser…wer weiß…?! Ich jedenfalls glaube, dass man bei aller Planerei und Begeisterung eines klar vergessen hat: Die CeBIT war eine Handelsmesse und verkommt zum bunten Kaugummiautomaten. Ein Riesenrad ist nicht die Maßeinheit für Digitalisierung und Industrie 4.0, ein Eiswagen nicht die Messlatte für Blockchain und Security. Ein paar Medien sehen das ebenso, andere Titel und vor allem die Macher sehen das indes anders, heraus aus ihrer rosaroten Brille. Sehen hinter allem letztlich etwas Gutes. Das kann nicht gut gehen. Oder? Lass uns darüber reden. Denn auch gesundschrumpfen soll ja schon so manchem Konzept auf die Beine geholfen haben.

Lass uns darüber reden
Let’s talk

 

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2 Gedanken zu “Eine Messe schafft sich ab – warum die CEBIT am neuen Konzept scheitern könnte

  1. Danke Kollege, für deine offene Einschätzung. Ich sehe es nicht so kritisch und denke, da steckt noch Potential für die Weiterentwicklung drinnen. Insbesondere müssen die Aussteller das Konzept mitgehen; dass „die Großen“ draußen Rummelplatz machen, während „die Kleinen“ drinnen verzweifelt auf Kunden warten wird nicht funktionieren. Mein Fazit ist hier zu lesen: https://www.vibrio.eu/blog/cebit-2018-fazit/

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Danke für ein kurzes Feedback zum Beitrag :o)

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