Kleinanzeigen: Kinderstube gesucht

ebay Kleinanzeigen, Quoka & Co: Warum es einfach keinen Spaß (mehr) macht, privat über Anzeigenportale zu verkaufen.

Zunächst ein exemplarisches Szenario: Die Oma kommt ins Pflegeheim. Mit einher geht eine Wohnungsauflösung, die manch nützlichen und abgenutzten Hausrat zutage fördert. Hier gibt es übrigens gute Tipps für diesen Fall.

Aber das gute Radio aus den 50er Jahren, die funkelnagelneuen Tupperware-Dosen, die alten Ölgemälde…das alles kann man doch noch irgendwie weiterleben lassen, indem man es auf den zahlreichen Online-Flohmarktplätzen anbietet. Wer das versucht, landet unweigerlich im Morast aus fehlender Kinderstube, fehlender Schulbildung, fehlendem Respekt und fehlendem Geld. Warum das so sein kann und sehr wahrscheinlich wird, begründe ich im Folgenden als Betroffener, als Opfer.

eBay Kleinanzeigen als Tummelplatz für Gut und Böse
eBay Kleinanzeigen als Tummelplatz für Gut und Böse

Je nach Verkaufsobjekt wird man auf diesen Portalen mit Sammlern, Liebhabern, Abgreifern oder Normalos konfrontiert. Allerdings kann man sich nie sicher sein, wer auf welche Offerte reagiert. Denn glaubt man, die Wagnerkompilation auf Schellack aus den 30er Jahren würde nur die gediegene Haute Société der Schellacksammler interessieren, der irrt gewaltig.

In Zeiten geringer Einkommen und Renten stocken mehr und mehr Leute auf, indem sie als (Wieder-)Verkäufer auf (Online-)Flohmärkten all das verkaufen, was sie so in die Hände kriegen. Sperrmüll, Haushaltsauflösungen und auch die Anzeigen in On- und Offline-Medien führen diese Leute zu all den Schätzen, mit denen sie ihre Kofferräume und Fahrradanhänger füllen. Um diese Schätze dann möglichst gewinnbringend weiterzuverkaufen.

Nun möchte ich weder irgendwem auf die Füße treten, noch Klischees schüren, jedoch ist es mit Benehmen und Bildung dieser Klientel nicht immer weit her. Nun folgt ein Schlagabtausch per Kurznachrichten, der vielleicht überzeichnet, aber alles andere als aus der Luft gegriffen ist:

eBay Kleinanzeigen als Spiegel der Gesellschaft?

Es gibt unter den Interessenten ganz unterschiedliche Charaktere. Hier zeige ich nun auf, welche mir in vielen Jahren schon untergekommen sind. Das bedeutet nicht, dass die folgenden Ausschnitte echte Konversationen sind. Aber es sind authentische Beispiele. Da gibt es also Typen wie

  • den Leseverweigerer
  • den Kurzangebundenen
  • den Pöbler
  • den Besserwisser
  • den Basarexperten
  • den Bemitleidenswerten
  • den Grammatik-Akrobaten
  • den leider Unverständlichen
  • den Unsichtbaren
  • den Beobachter 
  • die PayPal Jünger
  1. Ein Leseverweigerer macht das, was diese Bezeichnung vermuten lässt: Er weigert sich, Anzeigentexte (vollständig) zu lesen. Das zieht lustige Dialoge nach sich, die – jeweils im Auge des Betrachters – gerechtfertigt oder nicht angebracht sind. Ein Beispiel: Standard-Floskeln werden in gut formulierten Anzeigen immer wieder verwendet, um alle Eventualitäten auszuschließen. So sieht man dann etwa:

Beispiel einer Anzeige für eine Notebooktasche

Gute Beschreibung, gute Bilder? Schon, oder?  Aber auf was kann man sich immer verlassen? Richtig – auf Rückfragen zu genau den vermeintlich abgehandelten Punkten.

„Passt die auch für 17 Zoll Notebooks?“ ist ja noch harmlos. 
„Verschickst du die auch?“ kommt der Frechheit schon näher.
„Welche Farbe hat die Tasche?“ lässt mich ehrlich gesagt zweifeln.
„Warum verkaufst du die Tasche?“ ist einfach nur dumm.
„Ist die Tasche noch zu haben?“ lässt mich Absicht vermuten, mich zu nerven.

2. Der Kurzangebundene hingegen hat offensichtlich keine unnötige Zeit mit Höflichkeitsformeln und präzisen Fragestellungen zu verlieren – eben so, wie das Beispiel oberhalb. Kein Guten Tag, keine ganzen Sätze, keine Schlussformel. Nix. Nur Fakten. Oder eben auch nicht. Denn wie das obige Beispiel zeigt: „5“ kann so sehr missverstanden werden. Trotzdem kann es doch möglich sein, sich kurz mal mit Namen zu melden und einen schönen Tag zu wünschen. Ich frage mich, wie die wohl im Alltag sind. Kommen an den Frühstückstisch und fangen an, ihr Müsli zu kauen? Ohne Guten Morgen, ohne Hallo? Und gehen aus dem Haus, ohne Servus/Ciao/Tschüss zu sagen?

3. Der Pöbler ist eine meiner Lieblingsgattungen im täglichen Miteinander. Ohne Grund und ohne hinreichende Informationen wird prophylaktisch mal gemault, auch wenn dies in keinerlei direktem Kontext zum angebotenen Objekt steht: „So’n Mist würde ich nicht mal nehmen, selbst wenn er geschenkt wäre!!!!!“ Man beachte die mehrfache Nutzung des Ausrufezeichens. Ohne Anlass, ohne vorherige Konversation schießen derartige Nachrichten ins Postfach. Ob man nun darauf reagiert oder nicht, bleibt jedem Verkäufer selbst überlassen. „Für das Geld krieg ich zwei davon“ oder „Das alte Ding kauft doch keiner. Schmeiss weg.“ sind mir ebenso geläufig wie auch „So hässlich, das traut man sich echt zu verkaufen?“.

4. Der Besserwisser hat es sich dagegen zur Aufgabe gemacht, vermeintliche Defizite in der Sachkenntnis eines Verkäufers aufzudecken und zu eliminieren: „Weißt du, Wagner hat den Parsival aufgrund des Versromans „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach aus der höfischen Literatur, komponiert. Ist so zwischen 1200 und 1210 entstanden.“ Ok, und was genau hilft mir das nun bei der Frage, ob der Besserwisser die Platten haben möchte oder nicht? Zwangsläufig reagiert man, und die Antwort folgt auf den Fuß: „Nee nee, ich will die nicht. Wollte ich nur gesagt haben.“ Eine andere Variante des Besserwissertums ist „Zu teuer, gibt es in der Bucht gerade für 7 Euro Sofortkauf!“ Anmerkung: „Bucht“ ist eBay, und die dort angebotene Version war übrigens eine Vinyl von 1992 😉

5. Der Basarexperte kommt so gesehen dem Besserwisser Variante II sehr nah. Unaufgeforderte Angebote weit unter Festpreiswunsch, gepaart mit der Dreistigkeit eines Marktvergleiches („Wagner Platten sind gerade sehr unbeliebt“) führen zu munteren Preis-Ping-Pong-Spielchen: „15 Euro zzgl. Porto“ „Ich geb dir 5 inkl. Versand“ „Selbst als Päckchen würde das Porto diesen Preis ausmachen, wo bleibt da der Gewinn?“ „Ok, 6. Aber dann ist es gut, sonst kauf ich woanders“…usw. usw. Bei dieser Gelegenheit: Warum zum Kuckuck duzt eigentlich jeder jeden im Internet? Ich finde das irgendwie respektlos.

6. Der Bemitleidenswerte kommt mit den verschiedensten Argumenten als Waffe im Kampf um das Kleinod daher. Aussagen wie „Ich habe leider nur 5 Euro, ich bekomme nicht mehr Taschengeld“ oder „Ach bitte, ich brauche unbedingt ein Weihnachtsgeschenk für meinen Vater, aber ich habe meinen Job kürzlich verloren. Können Sie mir die Platten nicht schenken?“. Doch, kommt tatsächlich vor. Ich habe schon Klopse erlebt, dass glaubt man nicht.

7. Beim Grammatik-Akrobaten bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich Mitleid haben muss oder nicht. Oft kommt es ja nicht vor, dass man auf Menschen mit „echter“ LRS – Lese-/Rechtschreibschwäche stößt. Man kann eine Legasthenie oder Rechtschreibschwäche nicht sofort von einer „omittit infirmitatem desidia“ – einer Schwäche aus Faulheit unterscheiden. Wird unsere Jugend doch immer wieder motiviert, ihre eigene Sprache und deren Bedeutung zu entwickeln (siehe „Jugendwort-Kür“ oder „Schreiben nach Gehör„). Das führt mitunter zu Stilblüten wie etwa „Sers, vong wan iss der?“ oder „Ey, Price ist zu high, kannst noch runterkomen?“ An dieser Stelle ein Linktipp: Wer schon immer mal Comicstrips mit Jugendsprache erstellen wollte, der findet hier seinen Spielplatz. Aber auch ganze Sätze werden immer seltener verwendet; und wenn, dann in einem Kauderwelsch, dass es einem die Zehen verdreht: „Wir bite 10 Euros“… „Wann sind die platen abgeholt“ deutet ja noch irgendwie auf Mitbürger/Interessenten ausländischer Herkunft. Aber „Auf keinsten weggeben, isch hol die glei ap“ oder „Alda, lässige Discs am Start, vercheckst die auch nach Berlin?“…

8. Damit driften wir auch schon in die Kategorie der Unverständlichen. Aus oben genannten Gründen ist es mitunter schwer, den Hintergrund einer Anfrage zu ermitteln. Da spült es schon mal Nachrichten mit folgendem Wortlaut ins Postfach: „Platt gut, nicht kaput hole. gehe bei Fahrrad oder zug.“ Auf die Rückfrage, was das denn genau zu bedeuten hat, kommt entweder nichts mehr, oder die erneute, stolz kredenzte Ergänzungsmail „Frau arbeit, geht nach hause für platt gut. komme holen. Nummer Telefon.“ Ganz ehrlich: nach 10 Stunden im Büro, viel Stress und Müdigkeit habe ich oft keine Lust mehr, die kryptischen Informationen zu entschlüsseln. ich gebe dann häufig auf, indem ich dann einfach nicht mehr reagiere. Denn auch einheimische Zeitgenossen konstruieren mitunter fragwürdige Satzkonstellationen – und das in – naja – bestem Deutsch: „Ich möchte Sie fragen, ob die Schellackplatten zu meinem passen. Aber ich kenne die Umdrehung nicht auswendig, solange ich auf der Arbeit bin.“ Mit etwas Fantasie lese ich hier noch heraus, dass er nicht sicher ist, ob sein Plattenspieler diese Schellackplatten abspielen kann. Denn neben einer speziellen Nadel braucht es noch umschaltbare Umdrehungsgeschwindigkeit. Aber es gibt auch die hoffnungslosen Fälle, bei denen meine Fantasie dann nicht reicht: „Ich war gestern beim Markt. Das sind die falschen. Muss man denn dafür die Achsen verkleinern? Bei 60ern geht das nicht. Ich habe aber 50er. Plastiksiegel?“

9. Ok, kommen wir zum Unsichtbaren. Wir stellen uns folgende Konversation per Nachrichten vor (und bleiben praktischerweise bei den Schellackplatten):

Chat Beispiel
eBay Kleinanzeigen ist nichts für gesellige Menschen

Jetzt gibt es ja mehrere Möglichkeiten – mehr oder weniger plausible oder nicht:

Käufer war da, aber er war unsichtbar
Käufer war da, ich habe die Klingel nicht gehört
Käufer ist schwerkrank
Käufer ist ins Ausland ohne Internet geflohen
Käufer hat keinen Bock mehr auf die Platten
Käufer hat keinen Anstand
Käufer hat kein Geld mehr
Käufer hat weder Geld, noch Anstand, noch Bock

Wie dem auch sei – dieses No-Shows hasse ich (ja, man soll nicht hassen – ich weiß. Ich hasse aber so manches und manche). Als PR-Berater hasse ich die im Rahmen von fest vereinbarten Presseterminen, als Privatmensch verstehe ich noch weniger, warum ein vereinbarter Termin ohne Absage, ohne kurze Info, ohne einfach irgendwas, platzen muss.

10. Nun zur vorletzten Kategorie der Kleinanzeigen-Konsumenten, die ich wohl nie verstehen werde: die Beobachter. Bei eBay Kleinanzeigen passiert je nach Verkaufsgut ja erst einmal gar nichts, nachdem man mit viel Mühe und Fleiß (s)einen Artikel eingestellt hat. Anfragen gibt es erst einmal nicht – jedenfalls sofern man nicht in die Rubrik „zu verschenken“ inseriert hat.

Kleiner Exkurs: Habt Ihr das schon mal gemacht? Etwas „zu verschenken“ inseriert? Es ist der Wahnsinn, wie viele Leute in kürzester Zeit dein Postfach zuballern. Natürlich trifft man so auch all die oben erwähnten Persönlichkeiten, außer natürlich den Feilschern und Schacherern. Allerdings oft die Ungeduldigen: innerhalb 30 Sekunden schicken dir diese Leute mindesten 10 Nachrichten á la „Nehme ich“, „Bitte reservieren“, „Ich nehme die“, „Wann kann ich abholen?“, „Adresse?“ … man kommt nicht dazu, zu antworten.

Weiter im Text. So fristet die Anzeige also erst einmal ein ödes digitales Dasein, allerdings nicht unbeobachtet:

 4

Diese beiden Symbole unterscheiden zwischen der zahl Menschen, die deine Anzeige gesehen haben und denen, die ganz offensichtlich irgendein Interesse an dieser Anzeige haben. Und hier fehlt mir nun sehr oft das nötige Sachverständnis. Warum „merkt“ man sich einen inserierten Artikel? Nun, vielleicht möchte ich beobachten,

wie sich der Preis entwickelt (evtl. reduziert sich ja der Verkaufspreis)
ob sich der Artikel überhaupt verkauft (evtl. plane ich, ähnliches zu verkaufen)
um ihn am Abend meiner Gattin zu zeigen, und ihn so wiederzufinden
um mehrere identische Angebote zu vergleichen

Wie auch immer. Oft bemerke ich dann, dass die Zahlen der Besucher und „Beobachter“ immer größer wird, aber sich niemand ernsthaft weiter interessiert. Keine Anfragen, keine Preisvorschläge, kein gar nichts. Selbst bei Verkäufen, die bis zum bitteren Ende durchlaufen und offenbar unattraktiv für die breite Masse sind, zählte ich schon 10, 15 Beobachter…Dieses Phänomen wird mir immer ein Rätsel sein. Oder kann mir das jemand von Euch erklären? Bin für alle Hinweise dankbar.

11. Und jetzt zur letzten Sorte: Die PayPal Jünger. Warum ich ein großes Problem mit PayPal habe, könnt Ihr hier gerne nachlesen. Darum möchte ich gerne auf die altehrwürdige Art und Weise einen Handel vollziehen: Käufer überweist Geld, Verkäufer verschickt Ware. Aber eine immer größer werdende Gemeinschaft von Internet-Interessierten sieht aus unerfindlichen Gründen in PayPal sowas wie den heiligen Gral des eCommerce für den kleinen Mann. Schlimmer noch: Man erkennt scheinbar in diesem Finanzkonstrukt eine Art Sicherheit für Handelspartner. Darum bestehen viele Käufer (und auch Verkäufer) auf PayPal Abwicklung. Aber warum? In meinem oben verlinkten Beitrag zu PayPal und auch quer durch das Internet findet man hinreichend Gründe und Beweise, um sich das mit der Sicherheit nochmal durch den Kopf gehen zu lassen.

Die Szenarien, die sich die jeweiligen Parteien wünschen, wären:

Verkäufer hat die Sicherheit, dass das Geld gutgeschrieben wird und er beruhigt das Paket losschicken kann.
Käufer hat die Sicherheit, das Geld zurückfordern zu können von PayPal, falls die gelieferte Ware nicht ankommt oder in der Beschaffenheit nicht den Versprechungen entspricht. In der Realität können beide große Augen machen:
Käufer bezahlt per PayPal, VK packt einen Ziegelstein ein. Versand möglichst spät, zwischendurch PayPal Konto abschöpfen. Dann holt der geprellte Käufer gar nichts mehr zurück, kann lediglich klagen oder auf Kulanz PayPals hoffen (dass es so täglich läuft, bitte in Beiträgen in entsprechenden Foren nachlesen).

Käufer bezahlt per PayPal, VK packt den Artikel ein. Versand umgehend. Käufer erhält Ware und behauptet bei PayPal, die Ware sei nie angekommen/es sei ein Ziegelstein. Zwei, drei muntere Zeugen, und schon bekommt VK sein Geld nicht ausbezahlt. Was? Auch noch maulen? Dann friert der Zahlungsmeister das Konto mal eben ein (dass es das täglich wirklich gibt, bitte in Beiträgen in entsprechenden Foren nachlesen). Aber Realität ist auch, dass man als latent mafiös gilt, wenn man kein PayPal anbietet. Ich kann die Absagen gar nicht zählen, weil ich mich nicht auf PayPal einlasse und potenzielle Käufer darum abwinken. Naja, soll so sein. Euch noch viel Spaß bei eBay Kleinanzeigen & Co.

Gute Nacht!

 

 

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